Ein weiteres von mir für die Restaurierung angepasstes Werkzeug finden Sie im folgenden Beitrag:
Meine kleine Spezialzange – aus einer einfachen Flachzange wurde ein Werkzeug für meine Restaurierungsarbeit
Meine kleine Spezialzange
Aus einer einfachen Flachzange wurde ein Werkzeug für meine Restaurierungsarbeit
Manchmal entsteht ein Werkzeug nicht am Zeichenbrett eines Herstellers, sondern ganz einfach am Werktisch.
So war es auch bei dieser kleinen Flachzange.
Ursprünglich war sie eine ganz gewöhnliche Zange, die für meine speziellen Arbeiten an alten Uhrwerken eigentlich nicht geeignet war. Auch im Fachhandel fand ich kein Werkzeug, das meinen Anforderungen entsprach.
Also habe ich sie selbst verändert.
Nicht, um irgendein besonderes Werkzeug zu besitzen, sondern weil ich für bestimmte Arbeiten an historischen Uhrwerken eine Lösung brauchte, die ich so nicht kaufen konnte.
Klein – aber genau durchdacht
Die Flanken der Zange sind nur 24,5 mm lang.
Die Stirnhöhe beträgt 9,8 mm, die größere Höhe 11,97 mm.
An den Backen wurden im Laufe der Entwicklung nur etwa 1 bis 1,5 mm gezielt verändert.
Bei einer so kleinen Zange ist das bereits eine erhebliche Veränderung der Geometrie.
Die ursprünglich gleichartigen Backen wurden deshalb bewusst unterschiedlich bearbeitet.
Die erste Aufgabe: Spreng- und Benzingsicherungen
Eine wichtige Anwendung ist das Arbeiten an kleinen Sprengringen beziehungsweise Benzingsicherungen auf Wellen.
„Gibst du Druck zur Lösung der Sicherung, gibt dir die Sicherung die Lösung.“
Genau diesen unkontrollierten „Flugverlust“ wollte ich verhindern.
Durch die unterschiedliche Höhe der Backen kann ich die Sicherung gezielt zusammendrücken und lösen. Gleichzeitig kann mein Finger die Sicherung auf der Welle gegen das Wegspringen halten.
Die Zange löst – der Finger sichert.
Führung und möglichst wenig Kontakt
Auf der höheren Backe befinden sich zwei speziell eingearbeitete vertikale Nuten. Eine ist fluchtend zur gegenüberliegenden Backe ausgeführt, die andere etwas versetzt.
Die gegenüberliegende Backe erhielt einen kleinen, sorgfältig polierten Buckel. Dieser kann sich bei der Arbeit an der Platine abstützen. Durch die kleine Kontaktfläche wird die Berührung mit der Platine auf ein Minimum reduziert.
So viel Führung wie notwendig – so wenig Kontakt wie möglich.
Durch die besondere Form kann ich die Zange während der Arbeit außerdem etwa 10° nach links oder rechts in der Horizontalen neigen.
Die zweite Funktion: Vorsteckstifte
Die Zange ist nicht nur für Sicherungsringe gedacht. Sie ist ein von mir entwickeltes Zweiwege-Werkzeug.
In horizontaler Arbeitsrichtung kann sie zum Ein- und Auspressen von Vorsteckstiften eingesetzt werden – zum Beispiel an Schlagwerkteilen, Pendeln, Regulatoren und bei Vorsteckstiften im Zusammenhang mit Zeigersicherungen.
Die kürzere Backe wurde dafür zusätzlich mit einer Längsnut versehen, die einen Pfeiler beziehungsweise entsprechenden Bereich des Uhrwerkteils aufnehmen kann.
Auf der Außenseite befindet sich eine weitere Nut. Durch sie kann der Vorsteckstift beim Auspressen hindurchgleiten.
Damit kann dasselbe Werkzeug den Stift herausdrücken und wieder eindrücken.
Auch für größere Arbeiten
Das Grundprinzip dieser kleinen Zange habe ich später auch auf ein größeres Exemplar für Arbeiten an Uhrwerkplatinen übertragen.
Die Idee blieb dieselbe:
führen – halten – drücken – sichern.
Aus einer einfachen Zange wurde mein Spezialwerkzeug
Wenn man die fertige Zange betrachtet, sieht man zunächst vielleicht nur eine alte, bearbeitete Flachzange.
Für mich steckt darin aber wesentlich mehr.
Jede Kürzung, jede Nut, jede Fläche und jeder polierte Bereich entstand aus einer konkreten Erfahrung bei der Arbeit an Uhrwerken.
Ich habe kein fertiges Werkzeug gefunden.
Also habe ich mir eines gemacht.
Und vielleicht ist genau das für einen Kunden interessant: Nicht nur das fertige Ergebnis einer Restaurierung zu sehen, sondern auch einmal hinter die Arbeit schauen zu können.
Wie entsteht eine Lösung? Warum wird ein Werkzeug an einer bestimmten Stelle verändert? Und warum können manchmal nur wenige Millimeter darüber entscheiden, ob ein Werkzeug funktioniert oder nicht?
Dieses kleine Werkzeug ist ein Beispiel dafür, wie aus einem praktischen Problem durch Erfahrung, Beobachtung und eigene handwerkliche Entwicklung eine Lösung entsteht.
Für eine Zange mit gerade einmal 24,5 mm Flankenlänge ist das tatsächlich fast eine kleine Wissenschaft. ?
Manchmal entsteht aus einer ganz normalen Instandsetzung eine kleine Geschichte über Technik, Wahrnehmung und die Erinnerung an eine alte Uhr.
Aktuell beschäftigte mich eine historische Standuhr, deren Uhrwerk vollständig demontiert und fachgerecht instand gesetzt wurde.
Wie bei solchen Arbeiten üblich, begann die eigentliche Arbeit bereits mit der Dokumentation des vorgefundenen Zustandes.
Ich fotografiere die einzelnen Bereiche des Werkes ausführlich und arbeite dabei mit Messskalen. Zusätzlich werden charakteristische Positionen und individuelle Merkmale am Uhrwerk markiert. So bleibt der ursprüngliche Zustand nachvollziehbar und die Besonderheiten des jeweiligen Uhrwerks können beim späteren Zusammenbau erhalten bleiben.
Bei der Untersuchung zeigte sich unter anderem ein deutliches Verschleißbild an einem Rad.
Die Zapfen waren eingelaufen. Ursache war ein über längere Zeit entstandener Trockenlauf infolge eines Schmierungsdefizits.
Solche Schäden entstehen nicht plötzlich. Wenn ein Uhrwerk über längere Zeit mit unzureichender Schmierung arbeitet, verändern sich die Kontaktflächen. Ein Zapfen läuft sich ein, das Lager wird belastet und das ursprüngliche Zusammenspiel der Räder verändert sich.
Bei der Instandsetzung wurde dieses Rad deshalb nicht einfach nur wieder eingebaut.
Der beschädigte Bereich musste fachgerecht aufgearbeitet bzw. das erforderliche Bauteil ersetzt werden, damit das Rad wieder seine korrekte Funktion im Räderwerk übernehmen kann.
Für mich bedeutet Instandsetzung nicht, einen vorhandenen Fehler irgendwie wieder funktionsfähig zu machen.
Die Ursache und ihre Folgen müssen verstanden werden.
Erst danach kann entschieden werden, welche Reparatur technisch sinnvoll und zugleich dem historischen Werk angemessen ist.
Nach einer vollständigen Demontage verändert sich das Zusammenspiel eines Uhrwerks zwangsläufig.
Das bedeutet nicht, dass die historische Konstruktion verändert wird.
Vielmehr werden die einzelnen Komponenten nach der Instandsetzung wieder so zusammengeführt, dass sie technisch sauber miteinander arbeiten.
Gerade deshalb kann eine Uhr nach einer vollständigen Instandsetzung anders klingen als vorher.
Das wird besonders beim Schlagwerk hörbar.
Die Hammer müssen die Gongstäbe exakt treffen. Der Abstand zwischen Hammer und Gongstab beeinflusst die Stärke des Impulses. Auch der genaue Treffpunkt ist entscheidend.
Die Gongstäbe selbst können sich über Jahrzehnte geringfügig verändert haben. Vorhandene Diskrepanzen lassen sich durch vorsichtiges Ausrichten korrigieren.
Dabei darf man nicht vergessen:
Ein Gongstab ist kein starres Stück Metall.
Nach dem Anschlag schwingt er kräftig aus. Selbst wenn die Stäbe im Ruhezustand sauber voneinander entfernt stehen, können sie sich während der Schwingung sehr nahekommen oder unter ungünstigen Bedingungen kurz berühren.
Nach der Instandsetzung kontrolliere ich jeden Gongstab einzeln.
Ich höre auf den Anschlag.
Ich prüfe das Ausschwingen.
Ich achte auf Nebengeräusche, Klirren und mögliche Interferenzen.
Dabei wird das Schlagwerk nicht einfach nach einer vorgegebenen Lautstärke eingestellt. Die Einstellung erfolgt auf Wunsch des Kunden und kann unmittelbar vor Ort gemeinsam beurteilt werden.
So wurde auch bei dieser Uhr das Schlagwerk nach der Instandsetzung im Beisein des Kunden eingestellt und reguliert.
Die Uhr wurde mehrfach schlagen gelassen und gemeinsam angehört.
Erst einige Stunden später kam die Rückmeldung, dass der Klang nun anders wahrgenommen werde und nach dem ersten Schlag ein leichtes Klirren zu hören sei.
Solche Hinweise nehme ich selbstverständlich ernst.
Doch bevor eine bereits kontrollierte historische Mechanik erneut verändert wird, muss zunächst festgestellt werden, ob sich das beschriebene Geräusch tatsächlich reproduzieren lässt.
Deshalb habe ich mir den Schlag anschließend mehrfach in Echtzeit über die Telefonverbindung angehört.
Bei meiner Kontrolle war kein auffälliges Klirren und kein störendes Nebengeräusch festzustellen.
Der Schlag war für mich sauber und klar.
Über eine heutige Telefonverbindung lassen sich erstaunlich viele Einzelheiten eines Uhrwerks akustisch wahrnehmen.
Natürlich ersetzt eine solche Übertragung keine Untersuchung direkt am Werk.
Aber das menschliche Gehör kann bei einer mechanischen Uhr ein erstaunlich gutes Diagnosewerkzeug sein.
In einem anderen Fall konnte ich beispielsweise über eine Telefonverbindung sogar das Anschlagen der Ankergabel am Mitnehmer heraushören und einen Kunden anschließend anhand meiner Anweisungen bei der Einstellung und Regulierung seiner Uhr unterstützen.
Deshalb habe ich mir angewöhnt:
Erst hören.
Dann beurteilen.
Und erst danach verändern.
Gerade bei historischen Uhrwerken ist das wichtig.
Denn eine Reparatur auf Verdacht kann manchmal mehr verändern als ein vorhandener kleiner Fehler.
Eine alte Uhr kann nach einer vollständigen Instandsetzung anders klingen.
Das ist technisch nachvollziehbar.
Vor der Reparatur haben Verschleiß, eingelaufene Zapfen, Schmierungsdefizite und jahrzehntelang gewachsene Einstellungen das Verhalten des Werkes beeinflusst.
Nach der Instandsetzung arbeiten die Komponenten wieder anders miteinander.
Ein instand gesetztes Rad läuft wieder auf seinen Zapfen und in seinen Lagern.
Die Kraftübertragung verändert sich.
Das Schlagwerk wird neu abgestimmt.
Der Hammer gibt seinen Impuls wieder gezielt an den Gongstab weiter.
Und damit kann sich auch der Klang verändern.
Anders ist nicht automatisch schlechter.
Und anders ist nicht automatisch ein Fehler.
Eine fachgerechte Instandsetzung hat nicht die Aufgabe, einen verschlissenen Zustand künstlich zu erhalten.
Sie soll die historische Konstruktion respektieren, Schäden beheben und die Uhr wieder so arbeiten lassen, wie es ihre Mechanik ermöglicht.
Deshalb dokumentiere ich den Zustand vor der Demontage.
Ich fotografiere.
Ich messe.
Ich markiere.
Ich repariere.
Und anschließend höre ich genau hin.
Denn jedes Uhrwerk trägt seine eigene Geschichte in sich.
Ein eingelaufener Zapfen erzählt von jahrelangem Lauf.
Ein verschlissenes Rad erzählt von fehlender Schmierung.
Eine alte Einstellung erzählt von früheren Reparaturen.
Und manchmal erzählt auch der Klang einer Uhr davon, was sich durch eine fachgerechte Instandsetzung verändert hat.
Eine alte Uhr muss nach ihrer Reparatur nicht so klingen wie vorher.
Aber sie sollte wieder eine Geschichte erzählen können, die technisch nachvollziehbar ist.
Uhrmacher Thomas Schrader
Schwerin
Uhrmacherei ist für mich nicht nur Reparatur und Instandsetzung. Über viele Jahrzehnte sammelt sich Wissen an – über Uhrwerke, Materialien, Verschleiß, Schlagwerke, Gongstäbe, Werkzeuge und die vielen kleinen Besonderheiten historischer Uhren.
Dieses Wissen möchte ich gerne weitergeben.
An Menschen, die eine alte Uhr besitzen, genauso wie an alle, die sich für die Uhrmacherei und die Technik mechanischer Uhren interessieren.
Manchmal genügt ein kleiner Hinweis oder ein guter Rat. Wenn ich ein Ersatzteil in meinem Bestand habe, das ich selbst nicht mehr benötige und ohne eigenen Verlust entbehren kann, gebe ich es auch gerne einmal weiter.
Denn nicht alles, muss verkauft werden.
Manchmal ist es wichtiger, mit Erfahrung und einem kleinen Ersatzteil dazu beizutragen, dass eine alte Uhr weiterleben kann.
Diese Seite soll deshalb nicht nur Geschichten erzählen, sondern auch Wissen aus der praktischen Uhrmacherei bewahren und weitergeben.
Was man über Jahrzehnte gelernt hat, sollte nicht verloren gehen.