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Gedichte und Zeilen zur Zeit

Werkstatt-Zeilen: Wenn die Zeit ihre Zähne zeigt
Wer glaubt, das Handwerk eines Uhrmachers sei eine rein sterile, ruhige Angelegenheit im Sitzen, der hat noch nie die ungezähmte Mechanik einer Großuhr am eigenen Leib gespürt. Denn die Zeit vergeht nicht nur, sie kann auch verdammt schmerzhaft zuschlagen.
 
Von fliegenden Weckern und dem „Auge des Meisters“
Jeder fängt mal klein an. Ich erinnere mich gut an meine Lehrzeit ab 1978 und an meinen allerersten mechanischen Wecker. Voller Eifer drehte ich an den Platinen und vergaß die goldenste Grundregel: Erst die Zugfeder entspannen!
Mit einem ohrenbetäubenden Knall explodierte das Werk regelrecht in meinen Händen. Zahnräder flogen im hohen Bogen durch die Werkstatt. Mein Ausbilder Bodo Konietzko hielt sich den Bauch vor Lachen und rief quer durch den Raum: „Ho ho ho! Nun guckst wie ein Schwein ins Uhrwerk! Du hättest den erst entspannen müssen, Thomas!“ Er lacht übrigens heute im hohen Alter noch genau so darüber. Aber die Lektion saß fürs Leben. Wenn sich so eine Feder unkontrolliert entlädt, drehen sich die Zahnräder in Bruchteilen von Sekunden rückwärts – und werden zu kleinen, messerscharfen Kreissägen, die dir die Finger blutig schneiden.
 
Die Urgewalt des Regulators
Noch eine Nummer heftiger sind schwere Regulatoren. Wenn beim händischen Entspannen der Aufzugschlüssel aus den Fingern rutscht, die Sperrfeder bricht oder die Sperrklinke oben aufreitet, gibt es kein Halten mehr. Der Stahlschlüssel verwandelt sich in einen rasenden Propeller und trifft mit brutaler Wucht fast immer die Daumenkuppe oder den Fingernagel. Das Ergebnis? Ein pochender Schmerz und ein Fingernagel, der erst mal für mehrere Wochen rabenschwarz bleibt – das klassische, stumme „Souvenir“ des Uhrmachers.
Einmal hat mir eine widerspenstige Großuhrfeder beim händischen Einwinden ins Federhaus sogar die Gelenkkapseln von Ring- und Mittelfinger zertrümmert, sodass die Finger nach rechts wegstanden. Die Quittung waren drei Wochen Oberflächengips. Seitdem ist ein professioneller, mechanischer Federwinder meine Lebensversicherung am Tisch.
 
Das gefürchtete „Knack“ beim Batteriewechsel
Es braucht aber gar keine großen Federn für ein echtes Desaster – oft reicht schon ein ganz normaler Batteriewechsel an einer Armbanduhr. Die Batterie ist getauscht, doch beim Schließen will der Bodendeckel einfach nicht wieder einrasten. Warum auch immer. Also führt der Weg zur Gehäusepresse. Man legt die Uhr ein, setzt den Hebel an und erhöht vorsichtig den Druck.
Und dann macht es plötzlich: Knack!
In diesem Bruchteil einer Sekunde bleibt dir das Herz stehen. Es ist ein ganz bestimmtes, helles Geräusch, das man sofort überall in der Werkstatt erkennt. Man nimmt die Uhr heraus und sieht das Schlamassel: Der Deckel ist immer noch offen, aber das Uhrenglas auf der Vorderseite ist komplett zersplittert. Der Druck hat sich durch eine minimale Verkantung den Weg des geringsten Widerstands gesucht.
In meinen vergangenen neun Jahren der Selbstständigkeit ist mir das auch zwei Mal passiert – meistens bei den extrem flachen Design-Uhren von Skagen oder Bering. Durch ihre ultra-dünne Bauweise bieten diese Gehäuse absolut keine Fehlertoleranz. Aus einem Fünf-Minuten-Job wird dann sofort eine handfeste Glasreparatur.
 
Unsichtbares Feuer und die Tücken am Polierbock
Die Risiken sind, genau hingeschaut, nicht von der Hand zu weisen. Ein abgerutschter Schraubendreher bohrt sich ins Fleisch, die hauchdünne Spitze einer Kornzange rammt sich wie ein Pfeil in die Fingerkuppe.
Und dann ist da noch die Hitze. Metall ist ein mörderischer Wärmeleiter. Wenn man historische Federn über der Flamme anlässt, um ihnen dieses wunderschöne kornblumenblaue Aussehen zu geben, sieht der Stahl Sekunden später wieder harmlos aus – im Kern speichert er aber hunderte Grad. Fasst man da „mal eben“ zu früh hin, bezahlt man sofort mit weißen Brandblasen.
Genauso verhält es sich am rotierenden Polierbock. Man drückt das Uhrengehäuse an die schnell drehende Filz- oder Schwabbelscheibe und unterschätzt die enorme Reibung. Plötzlich denkt man nur noch: „Uuups, man ist das Teil mitmal heiß geworden!“ Im Bruchteil einer Sekunde schießt die Hitze durch das Metall direkt in die nackten Fingerkuppen. Es brennt so höllisch, dass man das kochend heiße Werkstück am liebsten augenblicklich loslassen und wegschmeißen würde – ein reflexartiger Kampf zwischen dem Schmerz und dem Aufpassen, dass dem Gehäuse nichts passiert.
 
Mein Fazit
Am Uhrmachertisch schläft die Physik nie. Sie fordert jede Sekunde deine absolute, fast meditative Konzentration und verzeiht keinen einzigen Millimeter Unachtsamkeit. Und genau das ist es, was wahre Meisterschaft ausmacht.
 
Aktuell vom Werktisch: Detektivarbeit mit der Kornzange
Manchmal bringt uns Uhrmacher ein Werk schlichtweg an den Rand des Wahnsinns – so wie ein ganz aktueller Fall, der mich erst vor wenigen Tagen in der Werkstatt gefordert hat.
Ich hatte einen historischen Regulator auf dem Tisch und hatte im Vorfeld alles akribisch geprüft: Ohne Last fielen alle Räder absolut frei in die Lager, der Sturz stimmte, und die Hebel waren vollkommen leichtgängig. Man dreht das Werk händisch durch, und zu 99 Prozent löst das Schlossscheiben-Schlagwerk perfekt aus. Doch kaum war die Uhr im Gehäuse verbaut und aufgezogen, verhaspelte sie sich nach ein paar Tagen im echten Betrieb und verweigerte den Dienst. Das Diffuse daran: Man klopft nur einmal kurz von außen gegen das Holzgehäuse, und das Schlagwerk läuft sofort wieder los, als wäre nichts gewesen. Kein Hebel ist verkantet, nichts blockiert sichtbar.
In solchen Momenten hilft keine Standard-Diagnose, sondern nur noch das feine Gespür in den Fingerspitzen und die Erfahrung der alten Schule. Ich kam dem Fehler erst auf die Spur, als ich das Höhenspiel der Wellen direkt unter der vollen Last der Antriebsfeder mit der Pinzette prüfte.
Und da war es plötzlich zu spüren: ein winziger, fast unsichtbarer Absatz im oberen Lager des Hebnagelrades.
Das Tückische an diesem Phänomen: Ohne Belastung rutscht der Zapfen sofort wieder in die entspannte, freie Mitte der Bohrung zurück – das Werk wirkt bei der Vorprüfung absolut fehlerfrei. Doch sobald die gewaltige Urgewalt der aufgezogenen Feder greift, drückt der einseitige Zug den harten Stahlzapfen permanent in eine Richtung. Über die Jahrzehnte hat er sich so eine mikroskopisch kleine Stufe in das weichere Messing der Platine gegraben. Läuft das Werk tagelang, wandert der Zapfen unter Last genau auf diesen Absatz und verkantet sich. Das Höhenspiel ist blockiert, der Sturz verändert sich minimal, und die Kraft bricht ab. Erst der kurze Klopfer gegen das Gehäuse rüttelt den Zapfen von seiner Stufe herunter, und die Mechanik erwacht wieder zum Leben.
In solchen Momenten zeigt sich: Wahre Uhrmacherei ist Detektivarbeit. Um diesen aktuellen Patienten zu heilen, gab es keine Abkürzung – das eingelaufene Lager wurde von mir sauber aufgerieben und mit einem neuen Messingfutter (Bouchon) versehen. Erst jetzt tickt und schlägt die Zeit wieder absolut fehlerfrei und ohne Stolperkanten.
 

 
 
Das Geheimnis der dritten Hand: Meine Spezialpinzette fürs Räderwerk
Jeder, der schon einmal versucht hat, die obere Platine einer Großuhr auf das Räderwerk aufzusetzen, weiß: Das ist ein absoluter Nervenkrieg. Fünf oder sechs Zahnradwellen stehen aufrecht, und alle Zapfen müssen gleichzeitig in ihre feinen Lagerbohrungen rutschen. Ein winziger Moment der Unachtsamkeit, ein zu fester Druck auf die Platine, und ein historischer, harter Stahlzapfen verbiegt sich oder bricht unwiederbringlich ab. Besonders bei komplexen Werken wie einem Westminster-Schlagwerk mit seinen drei Werksträngen kann das extrem nervig werden: Kaum hat man ein Rad im Lager, wandern die restlichen bereits gesetzten Räder durch die kleinste Bewegung wieder aus ihren Bohrungen aus, und das Spiel beginnt von vorn.
Da mir die Werkzeuge von der Stange für diese sensible Millimeterarbeit nicht präzise genug waren, habe ich mir kurzerhand eine eigene Spezialpinzette angefertigt.
Ich habe eine hochwertige Kornzange genommen und sie auf meine Bedürfnisse umgeschmiedet und geschliffen. Auf der Oberseite hat sie einen leichten, glatten Bogenrücken erhalten, damit sie unter der Platine nirgends hängenbleibt. An der vorderen Unterseite habe ich einen verflachten Ansatz eingeschliffen. Mit diesem flachen Ansatz kann ich die Pinzette bombenfest auf dem Wellenrücken oder der Schulter des Zahnrades auflegen, während der empfindliche Zapfen geschützt und sicher genau zwischen den beiden Schenkeln der Pinzette geführt wird.
Der Clou bei dieser Eigenkonstruktion ist die Physik beim Einsetzen: Mit der Pinzette kann ich nun gleichzeitig einen leichten Druck auf die Platine nach oben ausüben und im selben Moment das Rad mit seinem Zapfen exakt zum Lager führen. Durch den kontrollierten Gegendruck wird verhindert, dass die bereits eingefädelten Nachbarräder wieder aus den Lagern auswandern. Der Zapfen schleift nicht mehr blind an der Platine, sondern gleitet absolut gewaltfrei und zentriert genau in seine Bohrung.
Dieses Werkzeug steht in keinem Katalog der Welt – es ist das Ergebnis von jahrzehntelanger Praxis und dem unbedingten Willen, historische Mechaniken mit dem größtmöglichen Respekt und ohne Beschädigungen wieder zum Leben zu erwecken.
 

 
 

Ein weiteres von mir für die Restaurierung angepasstes Werkzeug finden Sie im folgenden Beitrag:

Meine kleine Spezialzange – aus einer einfachen Flachzange wurde ein Werkzeug für meine Restaurierungsarbeit

Meine kleine Spezialzange

Aus einer einfachen Flachzange wurde ein Werkzeug für meine Restaurierungsarbeit

Manchmal entsteht ein Werkzeug nicht am Zeichenbrett eines Herstellers, sondern ganz einfach am Werktisch.

So war es auch bei dieser kleinen Flachzange.

Ursprünglich war sie eine ganz gewöhnliche Zange, die für meine speziellen Arbeiten an alten Uhrwerken eigentlich nicht geeignet war. Auch im Fachhandel fand ich kein Werkzeug, das meinen Anforderungen entsprach.

Also habe ich sie selbst verändert.

Nicht, um irgendein besonderes Werkzeug zu besitzen, sondern weil ich für bestimmte Arbeiten an historischen Uhrwerken eine Lösung brauchte, die ich so nicht kaufen konnte.

Klein – aber genau durchdacht

Die Flanken der Zange sind nur 24,5 mm lang.

Die Stirnhöhe beträgt 9,8 mm, die größere Höhe 11,97 mm.

An den Backen wurden im Laufe der Entwicklung nur etwa 1 bis 1,5 mm gezielt verändert.

Bei einer so kleinen Zange ist das bereits eine erhebliche Veränderung der Geometrie.

Die ursprünglich gleichartigen Backen wurden deshalb bewusst unterschiedlich bearbeitet.

Die erste Aufgabe: Spreng- und Benzingsicherungen

Eine wichtige Anwendung ist das Arbeiten an kleinen Sprengringen beziehungsweise Benzingsicherungen auf Wellen.

„Gibst du Druck zur Lösung der Sicherung, gibt dir die Sicherung die Lösung.“

Genau diesen unkontrollierten „Flugverlust“ wollte ich verhindern.

Durch die unterschiedliche Höhe der Backen kann ich die Sicherung gezielt zusammendrücken und lösen. Gleichzeitig kann mein Finger die Sicherung auf der Welle gegen das Wegspringen halten.

Die Zange löst – der Finger sichert.

Führung und möglichst wenig Kontakt

Auf der höheren Backe befinden sich zwei speziell eingearbeitete vertikale Nuten. Eine ist fluchtend zur gegenüberliegenden Backe ausgeführt, die andere etwas versetzt.

Die gegenüberliegende Backe erhielt einen kleinen, sorgfältig polierten Buckel. Dieser kann sich bei der Arbeit an der Platine abstützen. Durch die kleine Kontaktfläche wird die Berührung mit der Platine auf ein Minimum reduziert.

So viel Führung wie notwendig – so wenig Kontakt wie möglich.

Durch die besondere Form kann ich die Zange während der Arbeit außerdem etwa 10° nach links oder rechts in der Horizontalen neigen.

Die zweite Funktion: Vorsteckstifte

Die Zange ist nicht nur für Sicherungsringe gedacht. Sie ist ein von mir entwickeltes Zweiwege-Werkzeug.

In horizontaler Arbeitsrichtung kann sie zum Ein- und Auspressen von Vorsteckstiften eingesetzt werden – zum Beispiel an Schlagwerkteilen, Pendeln, Regulatoren und bei Vorsteckstiften im Zusammenhang mit Zeigersicherungen.

Die kürzere Backe wurde dafür zusätzlich mit einer Längsnut versehen, die einen Pfeiler beziehungsweise entsprechenden Bereich des Uhrwerkteils aufnehmen kann.

Auf der Außenseite befindet sich eine weitere Nut. Durch sie kann der Vorsteckstift beim Auspressen hindurchgleiten.

Damit kann dasselbe Werkzeug den Stift herausdrücken und wieder eindrücken.

Auch für größere Arbeiten

Das Grundprinzip dieser kleinen Zange habe ich später auch auf ein größeres Exemplar für Arbeiten an Uhrwerkplatinen übertragen.

Die Idee blieb dieselbe:

führen – halten – drücken – sichern.

Aus einer einfachen Zange wurde mein Spezialwerkzeug

Wenn man die fertige Zange betrachtet, sieht man zunächst vielleicht nur eine alte, bearbeitete Flachzange.

Für mich steckt darin aber wesentlich mehr.

Jede Kürzung, jede Nut, jede Fläche und jeder polierte Bereich entstand aus einer konkreten Erfahrung bei der Arbeit an Uhrwerken.

Ich habe kein fertiges Werkzeug gefunden.

Also habe ich mir eines gemacht.

Und vielleicht ist genau das für einen Kunden interessant: Nicht nur das fertige Ergebnis einer Restaurierung zu sehen, sondern auch einmal hinter die Arbeit schauen zu können.

Wie entsteht eine Lösung? Warum wird ein Werkzeug an einer bestimmten Stelle verändert? Und warum können manchmal nur wenige Millimeter darüber entscheiden, ob ein Werkzeug funktioniert oder nicht?

Dieses kleine Werkzeug ist ein Beispiel dafür, wie aus einem praktischen Problem durch Erfahrung, Beobachtung und eigene handwerkliche Entwicklung eine Lösung entsteht.

Für eine Zange mit gerade einmal 24,5 mm Flankenlänge ist das tatsächlich fast eine kleine Wissenschaft. ?

Aktuell vom August 2026 am Werktisch:

Wenn eine Uhr nach der Instandsetzung, gefühlt anders klingt

Manchmal entsteht aus einer ganz normalen Instandsetzung eine kleine Geschichte über Technik, Wahrnehmung und die Erinnerung an eine alte Uhr.

Aktuell beschäftigte mich eine historische Standuhr, deren Uhrwerk vollständig demontiert und fachgerecht instand gesetzt wurde.

Wie bei solchen Arbeiten üblich, begann die eigentliche Arbeit bereits mit der Dokumentation des vorgefundenen Zustandes.

Ich fotografiere die einzelnen Bereiche des Werkes ausführlich und arbeite dabei mit Messskalen. Zusätzlich werden charakteristische Positionen und individuelle Merkmale am Uhrwerk markiert. So bleibt der ursprüngliche Zustand nachvollziehbar und die Besonderheiten des jeweiligen Uhrwerks können beim späteren Zusammenbau erhalten bleiben.

Ein beschädigtes Rad

Bei der Untersuchung zeigte sich unter anderem ein deutliches Verschleißbild an einem Rad.

Die Zapfen waren eingelaufen. Ursache war ein über längere Zeit entstandener Trockenlauf infolge eines Schmierungsdefizits.

Solche Schäden entstehen nicht plötzlich. Wenn ein Uhrwerk über längere Zeit mit unzureichender Schmierung arbeitet, verändern sich die Kontaktflächen. Ein Zapfen läuft sich ein, das Lager wird belastet und das ursprüngliche Zusammenspiel der Räder verändert sich.

Bei der Instandsetzung wurde dieses Rad deshalb nicht einfach nur wieder eingebaut.

Der beschädigte Bereich musste fachgerecht aufgearbeitet bzw. das erforderliche Bauteil ersetzt werden, damit das Rad wieder seine korrekte Funktion im Räderwerk übernehmen kann.

Für mich bedeutet Instandsetzung nicht, einen vorhandenen Fehler irgendwie wieder funktionsfähig zu machen.

Die Ursache und ihre Folgen müssen verstanden werden.

Erst danach kann entschieden werden, welche Reparatur technisch sinnvoll und zugleich dem historischen Werk angemessen ist.

Nach der Reparatur ist das Werk nicht mehr dasselbe

Nach einer vollständigen Demontage verändert sich das Zusammenspiel eines Uhrwerks zwangsläufig.

Das bedeutet nicht, dass die historische Konstruktion verändert wird.

Vielmehr werden die einzelnen Komponenten nach der Instandsetzung wieder so zusammengeführt, dass sie technisch sauber miteinander arbeiten.

Gerade deshalb kann eine Uhr nach einer vollständigen Instandsetzung anders klingen als vorher.

Das wird besonders beim Schlagwerk hörbar.

Die Hammer müssen die Gongstäbe exakt treffen. Der Abstand zwischen Hammer und Gongstab beeinflusst die Stärke des Impulses. Auch der genaue Treffpunkt ist entscheidend.

Die Gongstäbe selbst können sich über Jahrzehnte geringfügig verändert haben. Vorhandene Diskrepanzen lassen sich durch vorsichtiges Ausrichten korrigieren.

Dabei darf man nicht vergessen:

Ein Gongstab ist kein starres Stück Metall.

Nach dem Anschlag schwingt er kräftig aus. Selbst wenn die Stäbe im Ruhezustand sauber voneinander entfernt stehen, können sie sich während der Schwingung sehr nahekommen oder unter ungünstigen Bedingungen kurz berühren.

Deshalb wird bei mir nicht nur geprüft, ob die Uhr schlägt

Nach der Instandsetzung kontrolliere ich jeden Gongstab einzeln.

Ich höre auf den Anschlag.

Ich prüfe das Ausschwingen.

Ich achte auf Nebengeräusche, Klirren und mögliche Interferenzen.

Dabei wird das Schlagwerk nicht einfach nach einer vorgegebenen Lautstärke eingestellt. Die Einstellung erfolgt auf Wunsch des Kunden und kann unmittelbar vor Ort gemeinsam beurteilt werden.

So wurde auch bei dieser Uhr das Schlagwerk nach der Instandsetzung im Beisein des Kunden eingestellt und reguliert.

Die Uhr wurde mehrfach schlagen gelassen und gemeinsam angehört.

Erst einige Stunden später kam die Rückmeldung, dass der Klang nun anders wahrgenommen werde und nach dem ersten Schlag ein leichtes Klirren zu hören sei.

Solche Hinweise nehme ich selbstverständlich ernst.

Doch bevor eine bereits kontrollierte historische Mechanik erneut verändert wird, muss zunächst festgestellt werden, ob sich das beschriebene Geräusch tatsächlich reproduzieren lässt.

Deshalb habe ich mir den Schlag anschließend mehrfach in Echtzeit über die Telefonverbindung angehört.

Bei meiner Kontrolle war kein auffälliges Klirren und kein störendes Nebengeräusch festzustellen.

Der Schlag war für mich sauber und klar.

Hören ist auch Fehlersuche

Über eine heutige Telefonverbindung lassen sich erstaunlich viele Einzelheiten eines Uhrwerks akustisch wahrnehmen.

Natürlich ersetzt eine solche Übertragung keine Untersuchung direkt am Werk.

Aber das menschliche Gehör kann bei einer mechanischen Uhr ein erstaunlich gutes Diagnosewerkzeug sein.

In einem anderen Fall konnte ich beispielsweise über eine Telefonverbindung sogar das Anschlagen der Ankergabel am Mitnehmer heraushören und einen Kunden anschließend anhand meiner Anweisungen bei der Einstellung und Regulierung seiner Uhr unterstützen.

Deshalb habe ich mir angewöhnt:

Erst hören.
Dann beurteilen.
Und erst danach verändern.

Gerade bei historischen Uhrwerken ist das wichtig.

Denn eine Reparatur auf Verdacht kann manchmal mehr verändern als ein vorhandener kleiner Fehler.

Anders bedeutet nicht automatisch falsch

Eine alte Uhr kann nach einer vollständigen Instandsetzung anders klingen.

Das ist technisch nachvollziehbar.

Vor der Reparatur haben Verschleiß, eingelaufene Zapfen, Schmierungsdefizite und jahrzehntelang gewachsene Einstellungen das Verhalten des Werkes beeinflusst.

Nach der Instandsetzung arbeiten die Komponenten wieder anders miteinander.

Ein instand gesetztes Rad läuft wieder auf seinen Zapfen und in seinen Lagern.

Die Kraftübertragung verändert sich.

Das Schlagwerk wird neu abgestimmt.

Der Hammer gibt seinen Impuls wieder gezielt an den Gongstab weiter.

Und damit kann sich auch der Klang verändern.

Anders ist nicht automatisch schlechter.
Und anders ist nicht automatisch ein Fehler.

Eine fachgerechte Instandsetzung hat nicht die Aufgabe, einen verschlissenen Zustand künstlich zu erhalten.

Sie soll die historische Konstruktion respektieren, Schäden beheben und die Uhr wieder so arbeiten lassen, wie es ihre Mechanik ermöglicht.

Was bleibt, ist die Geschichte der Uhr

Deshalb dokumentiere ich den Zustand vor der Demontage.

Ich fotografiere.

Ich messe.

Ich markiere.

Ich repariere.

Und anschließend höre ich genau hin.

Denn jedes Uhrwerk trägt seine eigene Geschichte in sich.

Ein eingelaufener Zapfen erzählt von jahrelangem Lauf.

Ein verschlissenes Rad erzählt von fehlender Schmierung.

Eine alte Einstellung erzählt von früheren Reparaturen.

Und manchmal erzählt auch der Klang einer Uhr davon, was sich durch eine fachgerechte Instandsetzung verändert hat.

Eine alte Uhr muss nach ihrer Reparatur nicht so klingen wie vorher.

Aber sie sollte wieder eine Geschichte erzählen können, die technisch nachvollziehbar ist.

Uhrmacher Thomas Schrader
Schwerin

 

Wissen aus der Uhrmacherei weitergeben

Uhrmacherei ist für mich nicht nur Reparatur und Instandsetzung. Über viele Jahrzehnte sammelt sich Wissen an – über Uhrwerke, Materialien, Verschleiß, Schlagwerke, Gongstäbe, Werkzeuge und die vielen kleinen Besonderheiten historischer Uhren.

Dieses Wissen möchte ich gerne weitergeben.

An Menschen, die eine alte Uhr besitzen, genauso wie an alle, die sich für die Uhrmacherei und die Technik mechanischer Uhren interessieren.

Manchmal genügt ein kleiner Hinweis oder ein guter Rat. Wenn ich ein Ersatzteil in meinem Bestand habe, das ich selbst nicht mehr benötige und ohne eigenen Verlust entbehren kann, gebe ich es auch gerne einmal weiter.

Denn nicht alles, muss verkauft werden.

Manchmal ist es wichtiger, mit Erfahrung und einem kleinen Ersatzteil dazu beizutragen, dass eine alte Uhr weiterleben kann.

Diese Seite soll deshalb nicht nur Geschichten erzählen, sondern auch Wissen aus der praktischen Uhrmacherei bewahren und weitergeben.

Was man über Jahrzehnte gelernt hat, sollte nicht verloren gehen.

 
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© 24. August 2026, 16:00 Uhr, Your-Time - Uhrmacher Thomas Schrader, der Kreative - Ihr Feldstadt Uhrmacher, Mobiler Kundendienst - Land und Stadt